PermaLink Microsoft 365 archivieren, ohne ein WORM-Produkt zu kaufen09/04/2026 06:00 PM

Eine liquidierte österreichische GmbH hinterlässt Mail, OneDrive und SharePoint in Microsoft 365. Die Aufbewahrung soll zehn Jahre halten: lesbar, nachvollziehbar, möglichst unveränderlich. Es gibt kein Budget für ein zertifiziertes Archivprodukt, und der Tenant läuft nicht ewig weiter.

Dieser Beitrag beschreibt Ausgangslage, Anforderungen und die Umsetzung eines selbstgebauten Verfahrens — inklusive der Stelle, an der die Microsoft-Konsole und der Export scheinbar nicht zusammenpassen.

Ausgangslage

Nach der Liquidation bleiben die Daten in Microsoft 365, bis jemand sie abzieht. Typische Versuchung: ZIP vom OneDrive, PST aus Outlook, SharePoint-Bibliothek „herunterladen“. Das ist weder vollständig noch nachvollziehbar, und in zehn Jahren will niemand raten, welche ZIP-Datei die richtige war.

Rechtlich relevant sind in Österreich unter anderem Nachvollziehbarkeit, Lesbarkeit und Unveränderbarkeit (BAO, UGB). Das ersetzt kein zertifiziertes DMS und keine Freigabe durch den Steuerberater. Frist und Umfang muss der Steuerberater bestätigen. Die Projektvorgabe hier war bewusst 10 Jahre, nicht die oft zitierte 7-Jahres-Untergrenze.

Dieses Verfahren ist nicht GoBD-zertifiziert, nicht BAO-zertifiziert und kein WORM-Produkt. Was Technik und Betrieb leisten, steht unten; Lücken werden nicht verschwiegen.

Anforderungen

  • Originalbytes, nicht nur PDF-Renderings. Mail als MIME (.eml).
  • Jede Datei mit SHA-256; Katalog und Blob müssen zusammenpassen.
  • Finden ohne den Tresor zu durchsuchen: Excel-Katalog (Filterkopf, keine Makros, keine Formeln).
  • Ablage mit Object Lock (Compliance, 10 Jahre), Versioning an. Der Alltagsbenutzer darf holen und Nachträge ablegen, nicht löschen.
  • Microsoft-Quelle nur lesen, nichts löschen.
  • Dry-Run ist Default. Cloud-Kosten nur mit explizitem Flag.
  • Nach der Übergabe arbeitet der Empfänger mit Katalog und eigenem AWS-Zugang. Keine Abhängigkeit von der Werkstatt-Maschine.

Umsetzung

Die Pipeline ist klein und bewusst zweigeteilt.

Steuerung vs. Worker. Ein Laptop orchestriert (Erreichbarkeit, Provisioning, Sync). Der Export lief auf einer Wegwerf-VM. Nach dem Upload in den Tresor ist die VM weg; lokal bleibt nichts, was man in zehn Jahren noch booten müsste.

Microsoft Graph, nur lesen. Berechtigungen: Mail.Read, Files.Read.All, Sites.Read.All, User.Read. Der Archiv-Admin liegt außerhalb der Firmendomäne (*.onmicrosoft.com), nicht im Benutzerstamm der GmbH. App-Registrierung plus Admin-Consent; Secrets nie ins Git.

Originalbytes, Hash, Resume. Dateien und Mails landen als Content-Addressed Store plus Pfadkopie. Daneben SHA-256-Sidecars und Manifeste. Eine SQLite-Job-DB erlaubt Resume nach Abbruch. Das Audit-Log enthält keine Tokens und keine Mail-Bodies.

Katalog, nicht Suche im Bucket. Jeder Lauf schreibt Excel (Katalog.xlsx): ursprünglicher Pfad, Dateiname, Betreff, SHA-256, S3-Schlüssel, Fehler, Laufinfo, eine Blatt-Anleitung. Dieselbe Datei liegt zusätzlich unter einem festen Schlüssel im Bucket. Glacier/S3 bleibt der Tresor.

S3 Object Lock. Bucket in eu-central-1, Versioning an, Object Lock Compliance, Default-Retention 10 Jahre. Compliance lässt sich nicht umgehen — auch nicht als Root. IAM für den Empfänger: Lesen und PutObject für Nachträge (etwa eine Abschlussbilanz), kein Delete.

Übergabe. Paket ohne Secrets: Katalog, kleines CLI, Anleitung. Der Empfänger richtet Access Key und Secret einmal lokal ein (nicht per Chat). Alltag: im Katalog filtern, per Schlüssel holen, SHA-256 prüfen. Nachträge denselben Weg, wieder mit Hash-Zeile im Katalog.

Die Falle: Konsole vs. Export

Die Microsoft-Konsole und der Export messen nicht dieselbe Menge. Eine Abweichung heißt nicht automatisch „es fehlen Dateien“.

Was man siehtWas es oft istWas der Export nimmt
Speicher in GB (Berichte, aktive Sites)Site plus OneDrive, inklusive Versionen, Papierkorb, Metadatennur aktuelle Dateibytes
Websiteinhalte / Kachel „Dokumente“Dateien und Ordner, oft Cachenur Graph-file
Nutzungsbericht „Dateien“inkl. System/Papierkorb, zeitversetztKatalogzeilen

In diesem Lauf: rund 13 000 Mails als .eml, rund 3 400 aktuelle SharePoint-Dateien (etwa 11 GB Inhalt). Die Konsole zeigte in der Größenordnung 65 GB. Stichprobe: Office-Dateien mit mehreren Versionen (eine Präsentation 27 MB aktuell, über alle Versionen ein Vielfaches). Große Videos oft nur eine Version. Versionen erklären den Großteil der GB-Lücke; sie sind in dieser Version bewusst nicht mitarchiviert.

Websiteinhalte zählte Dateien plus Ordner und lag dazwischen — unbrauchbar als Soll-Zahl. Persönliches OneDrive war klein; der Speicher saß auf der Team-Site.

Regel: Soll-Zahl für „haben wir alle aktuellen Dateien?“ ist Graph-file bzw. Katalogzeilen, nicht Konsole-GB und nicht Websiteinhalte. Konsole-GB gegen Graph-Quota; Katalog-SHA-256 gegen lokale Blobs.

Was bewusst fehlt

  • bereits gelöschte Nachrichten und Dateien (Recycling, Soft-Delete, je nach Tenant)
  • alte Dateiversionen (Graph holt /content der aktuellen Version)
  • vollständige ACL- und Sharing-Historie
  • Teams/Chat, OneNote, Litigation-Hold-Änderungen

Ein Dateitransport (rclone o. ä.) ersetzt kein Archiv-Zertifikat. Metadaten und Berechtigungen hängen vom Backend ab; die Vollständigkeit ist nicht zugesichert. Fehler und Teilmengen müssen über Job-DB und Verify sichtbar bleiben.

Fazit

Für eine liquidierte Firma mit klarer Frist reicht ein selbstgebautes, dokumentiertes Verfahren: Originalbytes, Hash, Katalog, Object Lock, ehrliche Lücken. Es ersetzt kein zertifiziertes DMS und keinen Steuerberater. Wer die Microsoft-Konsole als Soll-Zahl nimmt, sucht Dateien, die der Export nie holen sollte — vor allem alte Versionen.


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